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16.09.2019, Jamal Tuschick

Die Journalistin Patrizia Schlosser erzählt in ihrem autobiografisch angereicherten und mit Spannungselementen aufgeladenen Recherchebericht „Im Untergrund. Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich“ von gemeinsam mit ihrem Vater, einem ehemaligen Polizisten, durchgeführten Privatermittlungen im Zusammenhang mit den letzten Flüchtigen der Roten Armee Fraktion. Ich setze meine Besprechung vom 13.09. fort.

Linksradikale Omertà

Patrizia Schlosser

Eingebetteter Medieninhalt

Patrizia Schlosser sucht im linksradikalen Milieu zwischen Berlin und Hamburg Hinweise auf den Verbleib jener letzten RAF-Kader, die nach kriminalpolizeilichen Erkenntnissen in den Niederungen der Beschaffungskriminalität angekommen sind. Zur Last gelegt werden einer dreiköpfigen Rentner-RAF-Fraktion mal mehr und mal weniger Raubdelikte, soweit es den letzten Durchgang seit der erklärten Auflösung der Bande Ende der 1990er Jahre betrifft. Zur gerichtlichen Debatte stehen ferner neun Morde, die der dritten RAF-Generation zugeordnet werden.

Patrizia Schlosser, „Im Untergrund. Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich“, Hoffmann und Campe, 255 Seiten, 18,-

Juni 2016. Schlosser bekommt Wind von drei Greisen im Untergrund - Geiseln ihrer eigenen Geschichte. Es geht um (das ist die erste Einschätzung) versprengte Protagonist*innen blutiger Ereignisse, die in der alten Bundesrepublik einen gesellschaftlichen Mehrwert generierten, der enorme Deutungsspielräume eröffnet. Das Kontextvolumen entscheidet über die Relevanz. Wie gravierend war die Radikalisierung der Gruppe um Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin für Deutschland?

Sie nannten sich Rote Armee Fraktion (RAF) und betrachteten sich als Verbündete weltweiter antikolonialer Befreiungskampfallianzen. Ihre Dekade waren die Siebziger. Schon vor Anbruch des neuen Jahrzehnts erlahmte das revolutionäre Stehvermögen. Die legalen Filialen schlossen. Die „repressive Toleranz“ des Staates zeigte Wirkung. Motivations- und Legitimationsfragen lösten Krisen aus. Es begann die Ära der Ausstiege und neuer Identitäten in der Deutschen Demokratischen Republik. An die Stelle bekennender Militanz trat der Feierabendterrorismus der Revolutionären Zellen. Man hatte dazugelernt und blieb formal legal. 1998 erklärte der RAF-Rest das Ende seines bewaffneten Kampfes. Die im Untergrund Verbliebenen fröstelten einem prekären Lebensabend entgegen; bedroht von uralten Haftbefehlen.

Schlosser prallt bei ihrer Recherche gegen eine Mauer des Schweigens. Man zeigt der Journalistin den erigierten Mittelfinger auch in gehobenen Varianten abgedeckter Verachtung. Das aufgeregte Glied hat Stoppschildcharakter.

Du bist schon zu weit gegangen. Du kommst Leuten zu nah, die jederzeit bei dir die Luft rauszulassen bereits sind. Gewalt gegen Sachen sind Jokes. Gewalt gegen Personen geht natürlich auch.

Schlosser lernt ein orchestriertes Zusammenspiel verdeckter und offenen Drohungen kennen. Dubios-kaputte Kellergestalten pirschen sich an und lenken das investigative Interesse in Sackgassen. Die linksradikale Omertà zieht Schlosser in einen Bannkreis. Der Untergrund hat einen parlamentarischen Überbau. Er hat eloquente Fürsprecher. Ein arrivierter Flügel beherrscht die Meinungsmagistrale. Die Antifa tritt mitunter merkwürdig frisiert als Angela Merkels Ehrengeleit auf. Die Bomber Harris (do it again) Fangemeinde koaliert europaweit.

Radical Chic reloaded.

Schlosser fängt an, sich Sorgen zu machen. Ihr Vater, der alte Kriminalist, warnt sie. Karl-Heinz Dellwo, inzwischen Geschäftsführer eines Verlags, geht sie hart an. Dellwo war dabei, als die RAF 1975 in Stockholm zwei Geiseln tötete.

„Auf eine Geisel schossen sie fünfmal von hinten und stießen den Sterbenden wie … Abfall die Treppe hinunter.“

Plötzlich taucht ein neues Gefühl auf. Schlosser erlebt ihre Wut. Die unkritische Parteinahme für die Linke im Ganzen, mit mehr Verständnis für linksradikale Gewalt als für rechtsradikale Gewalt, endet im Aufruhr, den Dellwos ruchlose Kaltschnäuzigkeit auslöst.

Schlosser ist die Tochter eines konservativen Gesetzeshüters. Allmählich findet sie im elternhäuslichen Gehäuse ihre Argumente. Sie begreift jetzt erst, in welcher Gefahr ihr Vater seinen beruflichen Alltag in der RAF-Hochzeit absolvierte.

Auf Bullen, diese Schweine, darf geschossen werden. Ulrike Meinhof in einer gerafften Fassung.  

Schlosser vermutet Hochmut bei den Veteranen der Schmauchära, als die Colts noch mit den Genossen um die Wette rauchten. Die ausgehängte Klotür lehnte an einer Wand, während Baader in derber Diktion zum bewaffneten Kampf aufrief.

Schlosser erkennt, dass sie dranbleiben muss; sich nicht einschüchtern lassen darf.

Werden ihre Ermittlungen zu einem Elchtest für den Rechtsstaat?

Dazu bald mehr.

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