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06.01.2020, Jamal Tuschick

Der Dialog-Band „Mutige Entdecker bleiben“ präsentiert exemplarische Einwandererbiografien. Inessa Goldmann wurde in der Ukraine geboren, lebte als Kind in Magdeburg, wo ihr Bruder zur Welt kam, verbrachte ihre Jugend in Riga und kam 1991 illegal nach Osnabrück. Erst in Westdeutschland wurde die Ingenieurin in die jüdische Religion „eingeführt“. Ihr Sohn lebt als Rabbiner in Israel.

Der Cherem

Dem überkonfessionellen Dialog Raum gibt die Seniorenschrift „Mutige Entdecker bleiben“. Der Band versammelt Porträts jüdischer und muslimischer Bürger in Deutschland, deren Herkunftsgeschichten Nachrichten aus aller Welt verkünden. Schalom – Salam: Die phonetische Nähe weist den Weg in ein etymologisches Unterholz der Gemeinsamkeiten auf einer Folie biografisch-geografische Diversität etwa zwischen Riga, Lahore und Bielefeld. Dem überkonfessionellen Dialog Raum gibt die Seniorenschrift „Mutige Entdecker bleiben“. Der Band versammelt Porträts jüdischer und muslimischer Bürger in Deutschland, deren Herkunftsgeschichten Nachrichten aus aller Welt verkünden. Schalom – Salam: Die phonetische Nähe weist den Weg in ein etymologisches Unterholz der Gemeinsamkeiten auf einer Folie biografisch-geografische Diversität etwa zwischen Riga, Lahore und Bielefeld.

Unter den Versprengten, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Bundesrepublik in einer Westzone kommen sahen, waren vereinzelt auch Muslime; ihre Geschichte ist kaum erforscht. Für sie war das zerschlagene Reich keine „terra prohibita“, „ein verbotenes Stück Erde“. Jannis Panagiotidis (Universität Osnabrück) setzt das Wort in seiner Vorschau ein: „Deutschland mag nach der Shoah … ein verbotenes Stück Erde für Juden gewesen sein, aber wie es mit Verboten nun mal so ist: nicht jeder hält sich dran.“ Eine Fußnote weist die Feststellung als entlehnt aus. Ihren Ursprung hat sie in Dan Diners Analyse „Im Zeichen des Banns, Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945“.

Bann – das ist der Cherem. Man kann ihn als Begleiterscheinung einer Ächtung, die nicht griff, beschreiben. Der Bann koinzidierte mit der Gründung Israels. Während Israel zu einem bedeutenden Staat avancierte, floppte der Bann. Hierzu: „History in the House of the Hangman: How Postwar Germany Became a Key Site for the Study of Jewish History“, herausgegeben von Steven E. Aschheim und Vivian Liska.

Der jüdisch-muslimische Dialog dient „der Prävention und dem Abbau von Antisemitismus“. Das betonen Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, und Dmitrij Belkin, Projektleiter von „Schalom Aleikum“, in einer gemeinsamen Vorrede: „Wir erheben den Anspruch, einen gesellschaftlichen Kompass für ein Schlüsselerlebnis der deutschen Gegenwart zu schaffen.“

Schließlich gab es auch „eine Wiedergutmachung durch Migration“. Stichwort Kontingenzflüchtlinge.

„Ironischerweise standen nun zum ersten Mal Menschen vor deutschen Beamten und versuchten nachzuweisen, dass sie Juden waren.“

Unbemerkt von den Mehrheitsgesellschaften, der Prozess vollzog sich zunächst in beiden deutschen Staaten, ergab sich eine fulminante Umkehr des Erwartbaren. Die Eingesessenen wurden von einem Kulturschub erfasst, der sich aus dem Verhältnis von 200.000 postsowjetischen Migranten zu 30.000 Etablierten ergab.

Panagiotidis lässt sich auf keine Sonntagsrede ein. Ja, „es gibt viel Gemeinsames, aber auch nicht wenig Trennendes“ zwischen den im letzten Durchgang der Einwanderung mit einer säkularen Praxis konfrontierten Juden in Deutschland und den Muslimen. Zu den Gemeinsamkeiten rechnet Panagiotidis, dass beide Gruppen „im Zeitalter des erstarkenden Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus (zur) Zielscheibe von rassistischer Gewalt“ werden. Panagiotidis endet mit einem Ausblick auf die Bedrohungslage.

Gesellschaftlicher Kompass

Der jüdisch-muslimische Dialog dient „der Prävention und dem Abbau von Antisemitismus“. Das betonen Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, und Dmitrij Belkin, Projektleiter von „Schalom Aleikum“, in einer gemeinsamen Vorrede: „Wir erheben den Anspruch, einen gesellschaftlichen Kompass für ein Schlüsselerlebnis der deutschen Gegenwart zu schaffen.“

Bei einer älteren Gelegenheit ergab sich die schöne Formulierung:

Das Präventionspotential der Poesie

Dieser Chance widmet sich der Band „Mutige Entdecker bleiben“, der im Mainlabor zum Gegenstand verzweigter Erörterungen werden soll. Jannis Panagiotidis (Universität Osnabrück) bilanziert in einer akademischen Revue: Nach dem Zweiten Weltkrieg war die deutsche Gesellschaft bei weitem nicht so homogen wie die Herolde einer fatalen Neo-Romantik in ihrem falschen Vaterlandslied so gern singen. Panagiotidis erinnert an verschleppte osteuropäische Juden, für die es kein Zurück mehr gab, weil sie kein Zuhause mehr hatten.

„Es war mit den Familien der Überlebenden der deutschen Vernichtungspolitik zum Opfer gefallen.“

Dazu kamen osteuropäische Juden „auf der Flucht vor antisemitischer Gewalt (wie z.B. beim Pogrom von Kielce 1946).

Als Displaced Persons suchten sie Schutz in alliierten Refugien. Viele sahen ihre Zukunft in Israel. Der Staat kündigte sich bereits an. „Manche blieben aber in Deutschland.“ Es bildete sich „die erste kleine Nachkriegsgemeinschaft von Juden in Deutschland“.

Sie entstand auf dem schwankenden Grund einer in allen Gliederungen des Lebens aktiven Traumatisierung.

Der größte Triumph der Täter ist die Sprachlosigkeit ihrer Opfer

Man improvisierte „auf gepackten Koffern“. Zwischen Auspacken und Auswandern mehrten sich die Diversifikationen. „Rückkehrer aus Israel und anderen Zufluchtsländern“ erweiterten die Gemeinden und Muster im Prägestock der Diversität.

Juden im Land der Täter – „Der jüdische Staat und internationale jüdische Organisationen waren (davon) nicht begeistert.“

Es ist ein Verdienst der Publikation, diesen Dissens wenigstens mit einem Streiflicht zu erhellen.

Die Bundesregierung, so Panagiotidis, „versuchte manchmal, die Einreise und Niederlassung von Rückkehrern zu verhindern“.

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