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13.05.2020, Jamal Tuschick

Die Wahrheit ist

Unter dem Vorwand, Fragen zu beantworten, erzählt Eshkol Nevo Geschichten. Eine Verbindung ergibt sich schlicht und ergreifend aus dem Format. Der Autor gibt sich ausdauernd ein Interview, behauptet aber, jemand anderes würde die Fragen stellen. Das suggeriert ein Fremdinteresse, das gleichviel noch so groß sein könnte; es würde doch im Abendwind verwehen angesichts der monomanen Autorenselbstsucht. Nevo, der keinen Erzähler zwischen sich und der Welt duldet, steuert konsterniert ein notorisch unterfrequentiertes Café in dem partnerschaftlich mit dem Landkreis Offenbach verbundenen, in der Agglomeration Gush Dan Schatten werfenden Kiryat Ono an, um seinen Frankenstein/Golem zu treffen. Auch Nevo hat eine Person erschaffen, die als Figur in leidlicher, die Unzulänglichkeit des Urhebers schicklich spiegelnder Inferiorität erdacht worden war und die dann den Rahmen der weisen Voraussicht sprengte.

„Die Fiktion ist Realität geworden. Die Marionette hat ihre Fäden durchtrennt.

Der Papagei spreizte seine Flügel und erwies sich als flugfähig.

Yoram Sirkin bequemt sich auf seinem Weg an Israels Spitze Nevo zu treffen. Er sieht gut aus.

Yoram zeigt sich gestählt. Vermutlich weiß er: Fitness bringt Wellness. Und da, wo man sich wohlfühlt, stellt sich der Erfolg ein. Ich habe das neulich in einem YouTube-Vortrag von einem greisen Japaner gehört. Der wahre Sinn jeder hilfreichen Praxis sei Zufriedenheit. Zufriedenheit bildet, so der Hochbetagte, den mächtigsten Knotenpunkt aller möglichen Transaktionen.

Die Kellnerin fotografiert sich mit Yoram - und Yoram lässt sich mit Eshkol fotografieren. Bekanntlich sagt ein Bild mehr „als tausend E-Mails“.

Eshkol versäumt es, mit seiner Frau Dikla darüber zu reden; sich ihr vor dem Fernseher zu offenbaren. Spätestens im Sog des Versäumnisses drehen sich die Machtverhältnisse. Eshkol erscheint nurmehr als Puppe in der Hand des Spielers.

Eshkol Nevo, „Die Wahrheit ist“, Roman, aus dem Hebräischen von Markus Lemke, dtv, 430 Seiten, 22,- 

Spielfilmrealismus/Kreatives Onanieren

Ein Schriftsteller erteilt Auskunft. Am Anfang seiner Produktion stehen uferlose Selbstbefriedigungsphantasien voller Spielfilmrealismus. Der Künstler als Pubertierender ist bis zum letzten Detail auf Plausibilität angewiesen. Die Story muss stimmen, sonst lässt sich ein Orgasmus noch nicht mal herbeiquälen. Bei einem Kellergemeinschaftserlebnis mit vier Freunden offenbart sich das Alleinstellungsmerkmal des Erzählers, der sich in der Person seines Urhebers erschöpft.

Erzähler und Autor sind identisch.

Alle geben in wenigen Worten eine ihrer Easy-Cum-Varianten zum Besten. Ich frage mich gerade, wie ehrlich sie sind. Jedenfalls fassen sie sich kurz … „bei ihnen (läuft) es so pragmatisch ab wie im Passbildautomaten“; während Nevo in alle Ecken leuchten muss. Ich mache da mal weiter. Wie fällt das Haar, wenn sie sich so vorbeugt, dass der Busen einen sensationellen Anblick bietet, ohne dass der Hintern aus dem Bild rutscht. Man braucht alles vom Scheitel bis zur Sohle. Und das beschreibt allein das Nötigste.

Die Freunde rudern vom Petite mort zum Big Sleep (Raymond Chandler) noch lange nicht in prosaischer Behaglichkeit. Im Halbschlaf erkennt einer schon den Schriftsteller im langsamen Onanisten. Er rät aber zu Kurzgeschichten.

Nevo verlegt sich zunächst auf Protestgedichte, die resonanzlos bleiben. Im Weiteren schillert er in den Tautologien eines Gehemmten, der weder tanzen noch singen kann, und deshalb dazu verdonnert ist, sich auf einem Außenseiterposten zu überhöhen. Die Angeschmachtete erkennt den Verlierer am Pathos seiner Melancholie.

Tali hat Talent. Sie spielt die Querflöte bei einer Abschlussaufführung. Es ist aber Dikla, die sich erbarmt und Nevo all das verschafft, was uns Freude macht. Ich rede von den Kindern und der Hypothek.

Schreiben, um gerettet zu werden

Ach so, Nevo veröffentlicht seine Sorgen und Nöte in der Rolle des Befragten. Die Autofiktion gestaltet sich als Interview nach der Devise: Welche Fragen wollten Sie immer schon gern einmal beantworten. Ich glaube, viele Schriftsteller*innen geben sich ständig selbst Interviews. Sie brillieren in beiden Rollen. Das ist eine Möglichkeit, ordnend auf die innere Quatschbude einzuwirken.

Das Kaugummi der Langeweile

Schließlich hält der Offizier die attraktive Untergebene für weichgekocht, obwohl (für den objektiven Betrachter) nichts darauf hinweist. Der Offizier lockt die Wehrdienstleistende in seine Standortwohnung in Holon. Der Vorwand staubt im Fadenschein. Es ist alles lächerlich. Ein Männchen in Uniform balzt rund um ein junggeselliges Thema: Die dreckige Wäsche für Mama. Eine verkappte Nötigung geht über die Wohnzimmerbühne.

Er ist Oberleutnant in einer Einheit im Camp Tzrifin. Der Stützpunkt war ursprünglich eine britische Basis. 1944 wurde hier die Jüdische Brigade aufgestellt. Im Mai Achtundvierzig schuf man an Ort und Stelle historische Fakten. Tzrifin liegt in einem „Raum ohne Zuständigkeiten“ zwischen zwei Herzlandstädten. Diskret genießt der Offizier seine Macht über eine Soldatin, die ihm ins Auge sticht.

Sie ist neunzehn, er einundzwanzig. In jedem herrschaftsfreien Raum bekäme Eli Gonter einen Korb und dürfte sich trollen. Aber so wie die Dinge liegen, kann sich die Wehrdienstleistende Rotem Ashkenazi nur wegducken und ständig den Kelch an sich vorbeigehen lassen. Sie hat keinen Spielraum, er schon. Und so spielt er, nicht zuletzt in der Gewissheit, als Zivilist in Zukunft nur noch eine unscheinbare Wurst ohne Anspruch auf Bewunderung abzugeben.

Eshkol Nevo erzählt das in einer Nebengeschichte nach der Devise, man trifft sich immer zweimal und dann wird abgerechnet. Der Autor variiert den alten Schmelzkäse einer Binse, aber das macht er gut in seiner Autofiktion „Die Wahrheit ist“.

Die Wahrheit ist ein kaputter Getränkeautomat, hätte Rolf Dieter Brinkmann gesagt. Die Mittagspause zieht sich so wie alles. Der Flirt ist ein Mittel gegen Langeweile. Seine Einseitigkeit entspricht den Verhältnissen.

Irgendwann fängt er an, sie freitags mitzunehmen. Ihr Zuhause in Beit Hanan liegt nur angeblich auf seinem Weg. Unterwegs schlagen der Offizier und seine Untergebene den privaten Ton der Gleichheit an. Sie schreibt Gedichte und Kurzgeschichten, will aber nicht Schriftstellerin werden, da ihr der Beruf zu egozentrisch erscheint. Er plaudert aus dem Familiennähkästchen.

Sie bleibt distanziert. Nur ein Depp würde ihre formelle Zugänglichkeit mit herzhafter Aufgeschlossenheit verwechseln.

Schließlich hält er sie für weichgekocht, obwohl nichts darauf hinweist. Er lockt sie in seine Standortwohnung in Holon. Der Vorwand staubt im Fadenschein. Es ist alles lächerlich. Ein Männchen in Uniform balzt rund um ein junggeselliges Thema: Die dreckige Wäsche für Mama.

„Habe vergessen die Tüten mit …“

Er schmiert sich an das Objekt seiner Begierde. Es zuckt zurück. Das Über-Ich meldet sich zur Stelle. Die Angeschmierte könnte Meldung machen.

Am vorläufigen Ende der Schmiere hat er sich nichts vorzuwerfen. Jahrzehnte später sitzt er als Bittsteller vor ihr und vermag nicht zu erkennen, ob sie ihn wiedererkennt. Sie fertigt ihn ab. (Sie genießt ihre Rache kalt.)

Die Episode treibt da aus, wo Elis älteste Tochter sich in Erwartung des Wehrdienstes im Rekrutierungszentrum einstellt, und der begleitende Vater schwer besorgt, „pass auf dich auf“ sagt. Die Debütantin hustet den Alten zur Seite. Was soll ihr schon passieren, ist doch die Armee (nach allgemeiner Auffassung) eine Fortsetzung der Familie mit zusätzlichen Mitteln.

Eshkol Nevo, geboren 1971 in Jerusalem, gehört heute zu den wichtigsten Schriftstellern seines Landes. Sein erster Roman ›Vier Häuser und eine Sehnsucht‹ stand 2005 auf der Shortlist des bedeutendsten Literaturpreises in Israel, dem Sapir Preis, 2008 wurde er in Frankreich mit dem Raymond Wallier Preis des Salon du Livre ausgezeichnet, 2009 war er auf der Longlist des Independent Prize. ›Wir haben noch das ganze Leben‹, sein zweiter Roman (Golden Book Prize, Israel 2007, Adei Wizo Preis, Italien 2011), war nicht nur in Israel, sondern auch in Deutschland ein Bestseller. Sein Roman ›Neuland‹ verkaufte sich in Israel über 130.000 Mal und gewann 2012 als »Book of the Year« den Steimatzky Preis. 2018 erschien, wiederum mit großer Aufmerksamkeit, sein Roman ›Über uns‹ in Deutschland. Eshkol Nevo lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Ra’anana / Israel.