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23.03.2021, Jamal Tuschick

Zum Tod von Adam Zagajewski

„Die Lyrik ist zu stark. Deshalb wird sie vermieden.“

Jürgen Becker und Adam Zagajewski und dazwischen Michael Krüger im Februar 2013 in der Berliner Akademie der Künste © Jamal Texas Tuschick

Was sind schon viele?

Am vergangenen Sonntag ist in Krakau der polnische Dichter Adam Zagajewski gestorben. Ich habe ihn mal auf einem Zuneigungsgipfel mit seinem Freund Michael Krüger in der Berliner Akademie der Künste erlebt. Die Begegnung konkurrierte mit einem Champions League Match. So erklärte man sich die leeren Sitzreihen.

Zagajewski erklärte:

„Lyrik ist der ungleiche Kampf eines einzelnen Gedankens mit der trivialen Welt“.

„Die Leute glauben, sie kämen mit Schweden-Krimis durchs Leben.“

Michael Krüger behauptete das. Man ahnte eine Beschwerde, dem Verleger und Autor erschien das Auditorium viel zu spärlich. Gelassen zitierte Adam Zagajewski einen Kollegen: „Was sind schon viele?“

Zagajewski zählte zu jenen polnischen Dichtern, deren Werke Karl Dedecius „in einem Furor von Temperament“ (Michael Krüger) einst ins Deutsche brachte. Krüger nannte Zagajewski „ein Sprachgenie, wie alle Polen“. Krüger wähnte sich von Zagajewski „emporgehoben“.

Joseph Brodsky tauchte phantasmagorisch auf, um zu verkünden: „Die Dichtung sollte wie Pferderennen sein/.../die Reiter aus Marmor“.

Krüger schilderte Zagajewski als einen Mann, „der immer wieder von vorn anfängt … verraten von seiner biologischen Uhr“. - Und dann saß er auch noch in der Hauptstadt der DDR fest … zu einer anderen Zeit, „als man noch auf der falschen Seite der Mauer leben konnte“.

Zagajewski sagte über Lyrik: „Sie ist etwas Festliches, obwohl die Sprache so gewöhnlich ist, da wir das Brot mit kaufen.“ Außerdem stellte er fest: „Die Lyrik ist zu stark. Deshalb wird sie vermieden.“

Hanser -Verlagsmitteilung zum Tod von Adam Zagajewski

Wir trauern um Adam Zagajewski

Nacht, Meer

In der Nacht ist das Meer dunkel, matt

und spricht leise flüsternd

Auf diese Art erfahren wir

sein beschämendes Geheimnis: sein Glanz

ist eine Spiegelung

In der Nacht ist es arm wie wir alle,

schwarz, verwaist;

wartet geduldig auf die Rückkehr der Sonne

(Aus: Asymmetrie, Deutsch von Renate Schmidgall)

Adam Zagajewski,  polnischer Autor zahlreicher Lyrik- und Essaybände sowie mehrerer Romane, ist gestern am 21. März 2021 im Alter von 75 Jahren gestorben.

Zagajewski wurde am 21. Juni 1945 in Lwów geboren. Er wuchs in Gliwice und Krakau auf. Seit 1967 war er Redaktionsmitglied verschiedener literarischer Zeitschriften und veröffentlichte Lyrik, Essays und einen Roman, bis er 1976 wegen seines politischen Engagements zeitweiliges Veröffentlichungsverbot erhielt. Ab 1982 lebte er zwanzig Jahre als Emigrant in Paris und arbeitete u.a. für die polnischsprachige Literaturzeitschrift Zeszyty Literackie. Seit 2007 lehrte er an der University of Chicago und schrieb regelmäßig auch für deutsche Literaturzeitschriften wie Sinn und Form und Akzente.

Zuletzt lebte Adam Zagajewski mit seiner Ehefrau wieder in Krakau.

Adam Zagajewski wurde vielfach für seine Werke vielfach, auch in Deutschland, ausgezeichnet: So erhielt er u.a. den Horst-Bienek-Preis, den Eichendorff-Literaturpreis, den Heinrich-Mann-Preis, 2017 den Prinzessin-von-Asturien-Preis, 2019 wurde er mit dem Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste ausgezeichnet. Er ist Mitglied des polnischen Schriftstellerverbandes, des PEN, der Berliner Akademie der Künste und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, 2019 wurde er als auswärtiges Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters gewählt.

22. März 2021

Carl Hanser Verlag

Presseabteilung